Religiöse Bindung – Verlust

Der Religionssoziologe Detlef Pollack geht in DIE ZEIT (Nr. 55 vom 23.12.2025 Seite 29) der Frage nach der abnehmenden Bedeutung der Religion und religiöser Bindung weltweit nach: »Mittlerweile muss man begründen, warum man noch in der Kirche ist« Warum ist das so? Was geht dabei verloren?

ZEIT: Geht da in einer Gesellschaft etwas verloren?

Pollack: Das ist empirisch schwer zu messen, aber sicher gibt es eine Veränderung, eine kulturelle Regression. Man weiß nichts mehr vom Christentum, das eng mit der abendländischen Geschichte verbunden ist. Man versteht dessen Begriffe und Werte nicht mehr, findet vieles vielleicht nur noch komisch. Und wenn christliche Werte wie zum Beispiel der Gedanke der Nächstenliebe verloren gehen, glaube ich, ändern sich allmählich die gesellschaftlichen Umgangsformen. Nehmen Sie den Ton aktueller Debatten, insbesondere in der AfD – da ist von Respekt oft nur wenig zu spüren.

ZEIT: Geht mit dem Verlust der religiösen Bindung auch ein Gefühl der Zugehörigkeit und Sinnhaftigkeit verloren?

Pollack: Das würde ich sagen. Zur Religion gehört ja das Gefühl, dass es etwas gibt, das über mich hinausweist. Dieses Bewusstsein wird durch das Christentum wachgehalten. Und dadurch kommen Begriffe wie Dankbarkeit und Hoffnung oder auch Erbarmen mit ins Spiel. Wenn diese Dimension verloren geht, fehlt dem Leben etwas Entscheidendes. Und ich glaube, das spüren viele Menschen, selbst wenn sie kirchenfern sind.

ZEIT: Wir fragen jetzt nicht den Religionssoziologen, sondern den Menschen Detlef Pollack: Bedauern Sie den Bedeutungsverlust der Kirchen?

Pollack: Ich bedauere ihn sehr. Die Kirchen sind große Kulturträger, das beginnt bei den eindrucksvollen Kirchenbauten, geht über die Kirchenmusik und die christlich inspirierte Malerei bis zu den großen religionsphilosophischen Denkern. Auch unser Rechtssystem verdankt der Kirche viel. Es macht mich traurig, zu sehen, dass man sich nicht mehr dafür interessiert und dass man die Weisheit des Alten Testaments und die anrührenden Geschichten des Neuen Testaments links liegen lässt.


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