Faschisierung – nicht ignorieren, nicht verharmlosen

Text 1:

Deutsche Frechheit

Der Umgang der einst vom Judenhass verseuchten Wagner-Festspiele mit dem Juden Michel Friedman lässt tief blicken in die Seele dieses Landes: Und hier, auf dem Grünen Hügel, wollen sich Stars und Politiker dann bald im Kreis drehen, als wär’ nix?

Ein Essay von Nils Minkmar

Seit 1. Mai 2021 ist Nils Minkmar Redakteur im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung.

@sueddeutsche.de 17. Juni 2026


Text 2

Die Faschismus-Debatte ist leider keine linke Nebelkerze

Kann man die gegenwärtige Verrohung und die Ausgrenzungsfantasien immer noch bloß „Rechtspopulismus“ nennen? Nur, wenn man ignoriert, was die Forschung längst weiß.

Gastbeitrag von Stephan Lessenich und Sven Reichardt

Stephan Lessenich (li.) ist Soziologie-Professor und Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Sven Reichardt ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Konstanz und Direktor des dortigen Zentrums für Kulturwissenschaftliche Forschung.

@sueddeutsche.de 21. Juni 2026


Text 3

Ja, was hat er denn jetzt wieder?!

Die Bayreuther Aus- und dann wieder Einladung des Publizisten Michel Friedman ist ein deutsches Drama. Gezeigt wird in allen Facetten, auch den medialen: die neurotische Sehnsucht der Deutschen, von der eigenen Geschichte verschont zu werden.

Gastbeitrag von Carsten Brosda

Carsten Brosda ist Senator für Kultur und Medien in Hamburg und Präsident des Deutschen Bühnenvereins.

@sueddeutsche.de 22. Juni 2026

Neuer Faschismus

Über das Buch von Eva von Redecker: „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“

Im aktuellen Montagsblock/364 , der frei verfügbaren Kolumne von Kursbuch online, stellt Peter Felixberger das gerade im S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, erschienene Buch von Eva Redeker vor: „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus.“

Die Philosophin Eva von Redecker hat sich in ihrem neuen Buch zwei Fragen gestellt. Erstens, ob und wie sich der Faschismus über die Zeit hinweg er­halten konnte. Zweitens, ob wir überhaupt noch in der Lage sind, ihn zu erkennen. »Wir brauchen einen Begriff des Faschismus für die Gegenwart«, fordert sie. Menschen sind im neueren Faschismus keine individuelle Bezugs­größe mehr. »Stattdessen wird eine möglichst isolierbare, möglichst abstrakte Figur fingiert … und dieser Feind soll nicht geschlagen wer­den oder unterdrückt, sondern restlos vernichtet.« 

Die im Montagsblock veröffentlichten Auszüge zeigen ein sehr pointiertes, engagiertes und argumentativ starkes Buch einer Autorin, die Philosophie als praktische Einmischung versteht – mit einem bedrohlichen Résumé:

Die Folge: Menschen werden als mögliche Kooperationspartner aus dem Spiel genommen. Anstelle einer pluralen Menschheit, die sich arbeitend und kommunizierend aufeinander beziehen könne, entstehe das Bild homogener Blöcke, des eigenen und des feindli­chen. »Und in voller faschistischer Aufladung kann diese Grenzzie­hung in den Ausnahmezustand übergehen, in dem es heißt, dass die anderen dienen oder sterben müssen, damit wir leben können.« Deshalb werden Vorurteile so ausgiebig gepflegt, sie sind Teil der faschistischen Architektur von Abwehrmechanismen. … Als Antisemi­ten und Anti­Schwarz-­Rassisten pflegen sie eine höhnische Mime­sis. Das Schwache, Weiche und Unscharfe soll ausgemerzt wer­den. Kein Wunder, dass Carl Schmitt und alle, die diese Stärke und Härte verherrlichen, im Ausnahmezustand die entscheidende He­rausforderung für den Souverän sehen. »Da zeigt sich, wer wirklich herrscht.«

Lese – Empfehlung!

„Die Ästhetik des digitalen Faschismus“

Elon Musk, Donald Trump oder Javier Milei teilen KI-generierte Selbstporträts in heroischen Posen. Die Faszination der globalen Rechten für KI-Bilder ist nicht nur eine ästhetische. Sie folgt der Ideologie der schrankenlosen Expansion.

Als „ästhetische Rechtfertigung des Rechts des Stärkeren“ hat der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich kürzlich die neuen autoritären Bildwelten charakterisiert. Die Formel bringt auf den Punkt, was die reaktionären Visionen der Network-States mit den hypermaskulinen Antikenphantasien von Musk und Zuckerberg, Altmans kulleräugigem Profilbild und der „ghiblifizierten“ Meme-Propaganda des Weißen Hauses verbindet: Es sind Bildwelten der Rücksichtslosigkeit, in denen neokoloniale Expansionsträume, pseudohistorisch bemäntelte Machtphantasien, ein entfesselter Datenextraktivismus und die zynische Glorifizierung staatlicher Gewalt ihren gemeinsamen Ausdruck finden.

Roland Meyer ist Bild- und Medienwissenschaftler und DIZH-Brückenprofessor für Digitale Kulturen und Künste an der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK).

@faznet plus 27.04.2025