Auf in den Westen…

„Es ist die exklusive Eigenschaft des Westens, nicht exklusiv zu sein. Wie man Chinese wird, gehört nicht zu den Fragen, die die chinesische Politik beschäftigen. Oder nur dann, wenn es darum geht, die kulturelle Identität von Uiguren und Tibetern zu löschen. Dem Westen kann man beitreten. Man kann Amerikaner, Französin, Brite werden, auch wenn die eigene Herkunftslinie nicht in gallische Dörfer oder aufs Deck der Mayflower führt. Und das rechte Klischee von der „kulturfremden“ Zuwanderung löst sich, quasi nebenbei, in Luft auf. Gestern waren die „Kulturfremden“ noch Franzosen, heute sind es angeblich die Syrer und Afghanen – die aber, so muss man wohl die Umfrage verstehen, ganz gut verstehen, was gemeint ist, wenn der Westen von Menschenrechten spricht. Kulturfremd sind die Frauenfeinde, Antidemokraten, Meinungsunterdrücker, die es auch unter indigenen Westlern gibt.

Es lohnt sich also nicht nur, in den Westen zu migrieren. Es lohnt sich, diesen Westen zu verteidigen.“

aus:

Die Migranten glauben an uns. Mehr als wir selbst

Essay von Claudius Seidl SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 8. Januar 2026

Religiöse Bindung – Verlust

Der Religionssoziologe Detlef Pollack geht in DIE ZEIT (Nr. 55 vom 23.12.2025 Seite 29) der Frage nach der abnehmenden Bedeutung der Religion und religiöser Bindung weltweit nach: »Mittlerweile muss man begründen, warum man noch in der Kirche ist« Warum ist das so? Was geht dabei verloren?

ZEIT: Geht da in einer Gesellschaft etwas verloren?

Pollack: Das ist empirisch schwer zu messen, aber sicher gibt es eine Veränderung, eine kulturelle Regression. Man weiß nichts mehr vom Christentum, das eng mit der abendländischen Geschichte verbunden ist. Man versteht dessen Begriffe und Werte nicht mehr, findet vieles vielleicht nur noch komisch. Und wenn christliche Werte wie zum Beispiel der Gedanke der Nächstenliebe verloren gehen, glaube ich, ändern sich allmählich die gesellschaftlichen Umgangsformen. Nehmen Sie den Ton aktueller Debatten, insbesondere in der AfD – da ist von Respekt oft nur wenig zu spüren.

ZEIT: Geht mit dem Verlust der religiösen Bindung auch ein Gefühl der Zugehörigkeit und Sinnhaftigkeit verloren?

Pollack: Das würde ich sagen. Zur Religion gehört ja das Gefühl, dass es etwas gibt, das über mich hinausweist. Dieses Bewusstsein wird durch das Christentum wachgehalten. Und dadurch kommen Begriffe wie Dankbarkeit und Hoffnung oder auch Erbarmen mit ins Spiel. Wenn diese Dimension verloren geht, fehlt dem Leben etwas Entscheidendes. Und ich glaube, das spüren viele Menschen, selbst wenn sie kirchenfern sind.

ZEIT: Wir fragen jetzt nicht den Religionssoziologen, sondern den Menschen Detlef Pollack: Bedauern Sie den Bedeutungsverlust der Kirchen?

Pollack: Ich bedauere ihn sehr. Die Kirchen sind große Kulturträger, das beginnt bei den eindrucksvollen Kirchenbauten, geht über die Kirchenmusik und die christlich inspirierte Malerei bis zu den großen religionsphilosophischen Denkern. Auch unser Rechtssystem verdankt der Kirche viel. Es macht mich traurig, zu sehen, dass man sich nicht mehr dafür interessiert und dass man die Weisheit des Alten Testaments und die anrührenden Geschichten des Neuen Testaments links liegen lässt.


>>>> Die Weihnachtsgeschichte nach Lukas – in Bildern erzählt:

Es begab sich aber zu der Zeit…

>>>> Weihnachten an der Krippe:

Wie der heilige Josef zum ersten modernen Vater wird

Lernen ist Arbeit

Valeska T. (19) hat ihr Abitur mit einem unvorstellbaren Notenschnitt von rechnerisch 0,8 hingelegt. Was ihr Geheimrezept war und wie ihre Pläne aussehen.

Wie hast du dich motiviert, über so lange Zeit auf so einem hohen Level zu bleiben?

Meine Motivation war das Studium und, dass es mich einfach in die Großstadt zieht und ich dafür mindestens einen Schnitt von 1,1 benötigte.

Gab es bestimmte Routinen oder Lernmethoden, die für dich besonders gut funktioniert haben?

Ich musste sowohl für Bio-Leistungskurs als auch meine mündliche Erdkunde-Prüfung sehr viel auswendig lernen. Am besten hat es funktioniert, dass ich ganz klassisch mit Karteikarten gelernt habe. Und so nervig es auch ist, bin ich vor den Abiturprüfungen alte Abiturklausuren durchgegangen von den letzten drei bis vier Jahren. Die findet man alle online und kann da gut mit den alten Erwartungshorizonten arbeiten und seine Ergebnisse vergleichen. Das ist zwar sehr anstrengend und sicherlich auch anstrengender, als sich zehn Erklärvideos anzuschauen, aber für mich war das die effizienteste Vorbereitung.

Wie lange hast du fürs Abi gepaukt?

Ich bin nicht jemand, der sich jeden Tag nach der Schule hingesetzt und gelernt hat. Mir war es wichtig, dass ich meine Hobbys weitermache, weil ich den Ausgleich Musik und Sport neben dem Lernen gebraucht habe. Ich habe schon versucht, immer meine Hausaufgaben zu machen, was auch sehr hilfreich war, zumal die mündliche Mitarbeit sehr viel zählt. Vor den Klausuren habe ich dann intensiver gelernt. Für die Abi-Klausur in Biologie habe ich schon um Weihnachten begonnen, Karteikarten zu schreiben, weil der Stoff immens war. Und seit den Osterferien habe ich dann täglich mehrere Stunden gelernt.

Was rätst du den kommenden Abiturienten? Hast du einen Geheimtipp?

Hilfreich ist es, die Themen immer wieder zu wiederholen und sich das aufzuschreiben, was man aus dem Kopf weiß, weil nur so merkst du, wo es noch hapert oder wo noch etwas unklar ist.

Westfalenpost 06.07.2025

Wissenschaftsfeindlichkeit wächst

Eine Form von Eugenik in den USA?
„Man will der Natur ihren Lauf lassen, auch wenn dann Schwächere sterben“

Er will Amerika wieder „gesund“ machen: „MAHA = Make America healthy again“: Robert F. Kennedy jr. propagiert eine Politik, die Impfen verteufelt und Schwäche moralisch abwertet. Der Arzt David Gorski nennt das weiche Eugenik.

Erlebt die Medizin den Beginn einer antiwissenschaftlichen Zeit?
Nicht den Beginn, diese Entwicklung ist in vollem Gange! Begonnen hat das schon vor mindestens zwei bis drei Jahrzehnten. Unter der Oberfläche hat es die Wissenschaftsfeindlichkeit immer gegeben, seit der Pandemie tritt sie offen zutage.“

David Gorski ist chirurgischer Onkologe mit Schwerpunkt auf Brustkrebschirurgie am Barbara Ann Karmanos Cancer Institute und Professor für Chirurgie an der Wayne State University School of Medicine in Detroit.

Als Managing Editor des Blogs „Science-Based Medicine“ setzt er sich seit Jahren kritisch mit Pseudomedizin, Impfmythen und wissenschaftsfeindlichen Bewegungen auseinander.

@tagesspiegel plus 02.06.2025


Kennedys radikaler Studien-Vorstoß: „Es geht um eine Wissenschaftspolizei im extremsten Sinne“

Staatlich geförderte Studien sollen in den USA künftig nicht mehr in renommierten Journals erscheinen. Stattdessen will Kennedy eigene Fachzeitschriften direkt beim National Institutes of Health (NIH) ansiedeln – der zentralen US-Behörde, die jedes Jahr fast 48 Milliarden Dollar in die Erforschung von Krankheiten, Therapien und Prävention steckt. Das NIH gilt mit Abstand als größter Geldgeber für biomedizinische Forschung weltweit. Es ist Teil eines größeren Planes, den Wissenschaftsbetrieb radikal zu verändern.

„Wenn Kennedy das durchsetzt, bedeutet das eine Zensur, wie man sie sonst nur aus totalitären Regimen kennt.“

@tagesspiegel 30.05.2025

Harvard gegen Trump

Wenn Unis sich der Politik beugen, bröckelt die Demokratie, sagt Harvard-Professor Daniel Ziblatt. Der Kampf hat gerade erst begonnen.

Der Historiker Timothy Snyder hat die USA verlassen. Sie leiten unter anderem auch die Abteilung Transformationen der Demokratie am Wissenschaftszentrum Berlin. Würden Sie nach Deutschland ziehen?
Das Wissenschaftszentrum Berlin ist unglaublich attraktiv und es ist ein großes Privileg, dort zu arbeiten. Ich fühle mich in Deutschland sogar zu Hause, aber momentan fühle ich mich verpflichtet, in den USA zu bleiben. Als Patriot glaube ich an die demokratische Tradition Amerikas. Der Ökonom Albert Hirschman hat mal geschrieben: „In Zeiten des Niedergangs hat man drei Optionen: gehen, schweigen oder bleiben und kämpfen.“

Wann würden Sie gehen?
Wenn ich mich als politischer Analyst nicht mehr öffentlich äußern könnte oder an der Uni nicht mehr frei lehren, forschen, offene Diskussionen führen könnte. Dann müsste ich entweder den Beruf wechseln oder auswandern. Ich möchte die Deutschen aber auf etwas hinweisen.

Worauf denn?
Deutschland sollte sehr wachsam sein. In jeder Gesellschaft gibt es autoritäre Strömungen, die Wissenschaft und Forschung angreifen. Die Amerikaner glaubten lange: „Uns kann das nicht passieren.“ Heute wissen sie es besser. So wie Harvard von Columbia gelernt hat, sollte Deutschland von Amerika lernen.

@tagesspiegel plus 01.05.025