Wurzeln des Antiliberalismus

Der Politikwissenschaftler Robert Kagan über die tiefen Wurzeln des Antiliberalismus in den USA, Trump als Rammbock der Diktatur und Europas Zwickmühle zwischen den Raubtierimperien der Gegenwart.

Interview von Andrian Kreye

Europa muss verstehen, dass Trump und seine Bewegung Europa zutiefst feindlich gegenüberstehen. Diese Mitte-rechts- und Mitte-links-Parteien sind für sie Formen des Liberalismus, den sie ablehnen. Die deutsche, die französische, die britische Führung sind für sie genau solche Feinde wie Nancy Pelosi oder die Clintons.

Findet man da nicht über sein transaktionales Denken einen Weg?

Wir müssen aufhören, bei Trump über Transaktionen zu sprechen. Eine Transaktion ist, wenn Sie etwas bekommen und ich etwas bekomme. Was Trump will, ist Herrschaft. Wenn ihm nicht passt, was der Schweizer Bundespräsident sagt, belegt er die Schweiz mit 39 Prozent Strafzoll. Gibt es Ärger um Grönland, gibt es zehn Prozent Zoll für Europa. Da geht es nie um Geld. Nur um Macht.

Süddeutsche Zeitung, 06.02.2026

Der Mann in unserem Kopf

Hilmar Klute über Donald Trump:

Er ist der Mann, mit dem wir morgens aufwachen und abends ins Bett gehen. Warum wir unseren albtraumhaften Fetisch so schnell nicht wieder loswerden.

„Wir stehen eigentlich minütlich bereit, Donald Trump in all seinen Formen medialer Präsenz zu folgen, selbst wenn er als KI-gesteuerter Pilot Exkremente auf New Yorker Protestmarschierer kippt – auch das ist eine der Formen von Realität, die wir mit Trump erst kennengelernt haben. Lüge und Wahrheit sind austauschbare Begriffe, seit dieser Präsident die Maßstäbe setzt. Mit diesem Mann hat die Geschichte einen entscheidenden kosmetisch-chirurgischen Eingriff erfahren: Ihr wurde die Zukunft herausoperiert. Sie liegt jetzt verzweifelt zuckend in den Händen eines Einzigen, eines fast 80-Jährigen, der selbst keine Zukunft mehr hat, ausgenommen vielleicht die Aussicht, als überlebensgroße goldene Kitschfigur auf der National Mall zu überleben.“

Süddeutsche Zeitung, 05.02.2026

Trump – Doktrin

„Trumps Vize J. D. Vance war es, der nach den Bombenangriffen auf Iran im Sommer die „neue außenpolitische Doktrin“ der USA am besten auf den Punkt brachte. „Was ich als Trump-Doktrin bezeichne, ist ganz einfach. Erstens formuliert man ein klares amerikanisches Interesse“, sagte er damals. „Zweitens versucht man, dieses Problem aggressiv auf diplomatischem Wege zu lösen. Und drittens, wenn man es nicht auf diplomatischem Wege lösen kann, setzt man überwältigende militärische Macht ein, um es zu lösen.“ Diese bis heute vielleicht präziseste Definition Trumpscher Außenpolitik hat sich fast wie ein Drehbuch für den Grönland-Konflikt gelesen, ehe Trump Mitte der Woche das Skript – fürs Erste – zur Seite gelegt und ein militärisches Eingreifen ausgeschlossen hat.

Vance wird fälschlicherweise oft als traditioneller amerikanischer Isolationist charakterisiert, der Amerika aus globalen Konflikten heraushalten will. Tatsächlich ist er ein knallharter Verfechter der aggressiven „America-First“-Ideologie.“

Trumps Außenpolitik: Chaos oder Strategie? von Reymer Klüver
Süddeutsche Zeitung vom 23.01.2026


Europas Ende – Trumps Sieg?

Zwei Artikel, lesenswert, und mit für uns, Europäer und Deutsche, düsterer, aber IMHO realistischer Sichtweise.

Seine Politik ist nicht antik

Die Vorbilder für Donald Trumps Machtpolitik stammen nicht aus Rom – sondern aus dem neunzehnten Jahrhundert. Vergleiche mit Nero, Augustus und anderen römischen Kaisern führen in die Irre.

Von Andreas Kilb FAZ+ 12.01.2026

Das alles ist nicht neu. Neu ist, dass an der Spitze der mächtigsten Flotte und des größten Atomwaffenarsenals aller Zeiten ein Individuum steht, das aus seinen nationalen wie persönlichen Interessen kein Hehl mehr macht und die Maske der Humanität, Multilateralität und Bündnistreue ohne Zögern fallen lässt. Darin ist der amerikanische Präsident in der Tat mit den Imperatoren Roms vergleichbar, die sich im Zweifelsfall nur ihrer eigenen Glorie, der Loyalität ih­rer Legionen und der Versorgung der römischen Stadtbevölkerung mit Brot und Spielen verpflichtet fühlten.


Warum die EU untergehen wird

Die westlichen Demokratien sind von vielen Seiten bedroht – der Institution, die ihnen dabei am meisten helfen könnte, schenken sie am wenigsten Respekt und Beachtung. Zur Freude von Donald Trump.

Essay von Josef Kelnberger Süddeutsche Zeitung 11. Januar 2026

Die trügerische Überzeugung, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, steckt auch hinter dem Drang, die Welt mit immer kleinteiligeren Gesetzen zu einem besseren Ort zu machen. Ursula von der Leyen brachte ein Paket von Gesetzen auf den Weg, um den Klimawandel zu stoppen und die amerikanischen Tech-Konzerne zu bändigen. Viele von diesen Gesetzen würden aber nur funktionieren, wenn Europa die eigenen Standards den USA und China aufzwingen könnte. Nun gelten sie als Fesseln für die europäische Wirtschaft.

So fügt sich das Bild einer Europäischen Union, die wie der Zeit gefallen wirkt. Sie bräuchte dringend ein Signal des Aufbruchs.


Auf in den Westen…

„Es ist die exklusive Eigenschaft des Westens, nicht exklusiv zu sein. Wie man Chinese wird, gehört nicht zu den Fragen, die die chinesische Politik beschäftigen. Oder nur dann, wenn es darum geht, die kulturelle Identität von Uiguren und Tibetern zu löschen. Dem Westen kann man beitreten. Man kann Amerikaner, Französin, Brite werden, auch wenn die eigene Herkunftslinie nicht in gallische Dörfer oder aufs Deck der Mayflower führt. Und das rechte Klischee von der „kulturfremden“ Zuwanderung löst sich, quasi nebenbei, in Luft auf. Gestern waren die „Kulturfremden“ noch Franzosen, heute sind es angeblich die Syrer und Afghanen – die aber, so muss man wohl die Umfrage verstehen, ganz gut verstehen, was gemeint ist, wenn der Westen von Menschenrechten spricht. Kulturfremd sind die Frauenfeinde, Antidemokraten, Meinungsunterdrücker, die es auch unter indigenen Westlern gibt.

Es lohnt sich also nicht nur, in den Westen zu migrieren. Es lohnt sich, diesen Westen zu verteidigen.“

aus:

Die Migranten glauben an uns. Mehr als wir selbst

Essay von Claudius Seidl SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 8. Januar 2026