Kulturkampf der Union geht nach hinten los

Claudius Seidl schreibt in der Süddeutschen:

Der Kulturkampf hat drei Verlierer: die Konservativen, die „linksgrünen Spinner“, die Liberalen. Gewinner: AfD

Und darum ging es ja in diesem Kulturkampf, bei dem man als Beobachter nie ganz genau erkennen konnte, wann es um echte Überzeugung ging. Und wann Zynismus oder Dummheit das Handeln der Kulturkämpfer antrieben. Im November 2018, als er sich zum ersten Mal um den Vorsitz der CDU bewarb, schrieb Friedrich Merz auf Twitter: „Wir können wieder bis zu 40 Prozent erzielen und die AfD halbieren. Das geht! Aber wir selbst müssen dafür die Voraussetzungen schaffen. Das ist unsere Aufgabe.“ Fortan nahm er die Sorgen der Bürger so ernst, dass es manchmal so aussah, als heizte er diese Sorgen erst an. Damit er sich umso eindrucksvoller als Retter inszenieren konnte.

In den neuesten Umfragen ist die AfD stärkste Partei und liegt knapp unter dreißig Prozent, die Union bekommt ungefähr die Hälfte von dem, was Merz ihr damals versprochen hat; die FDP liegt noch immer unter fünf Prozent, und den Freien Wählern geht es außerhalb Bayerns auch nicht so besonders. Der Kulturkampf gegen alles, was linksgrün, irgendwie woke und, vor allem, ausländerfreundlich war, hat also zwei Verlierer hervorgebracht. Zum einen die, gegen die er sich gerichtet hat, die „linken und grünen Spinner“, wie Friedrich Merz seine Gegner im Wahlkampf nannte. Zum anderen die, die ihn geführt haben, die Konservativen und Liberalen. Eigentlich alle – mit Ausnahme der AfD.

Es gibt ja nun mal keinen vernünftigen Grund, diese Partei zu wählen

In dieser Lage ist Verständnis die falsche Strategie. In dieser Lage kann die Forderung, dass man AfD-Wähler nicht beschimpfen, ja nicht einmal kritisieren dürfe, weil die doch einfach nur ihre Sorgen und ihr legitimes Nichteinverstandensein artikulierten, nur zurückgewiesen werden. Es gibt keinen vernünftigen Grund, die AfD zu wählen – es sei denn, man wäre ein Vaterlandsverräter und bereit, sich der Herrschaft, zumindest aber der Hegemonie des Wladimir Putin zu unterwerfen.

Beides geht nicht. Man kann nicht anständig sein und sich zu Höcke bekennen. Man kann kein respektabler Bürger sein und sich dann Putin unterwerfen. Man kann nicht auf den Bankrott Deutschlands hinarbeiten und dafür Anerkennung erwarten. Das müsste jetzt, nachdem das Bündnis mit den besorgten Bürgern nichts gebracht hat, die Botschaft der Union sein.

Bekämpfen, nicht verstehen wollen.

@sueddeutsche.de Sorge dich nicht, kämpfe! 21. Juni 2026


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