KI zur Massenüberwachung?

Es geht um ein Thema, das Silicon Valley gerade beherrscht wie kaum etwas anderes: die Frage nach ethischen Barrieren für den Einsatz von KI. … Anthropic-Chef Dario Amodei bestand auf zwei Einschränkungen: Claude dürfe weder zur Entwicklung vollständig autonomer Waffensysteme noch zur Massenüberwachung von Amerikanern genutzt werden. Verteidigungsminister Pete Hegseth hingegen will die KI „für alle rechtmäßigen Zwecke“ einsetzen dürfen, ohne Schranken. … Rechtsexperten halten die Formulierungen im Vertrag für wachsweich und nicht einklagbar. …Hier werde eine „ethische“ Sprache benutzt, in Wahrheit könne die Regierung machen, was sie wolle. Kirsch: „Wenn Google denselben Deal schließen würde, würde ich intern dasselbe sagen.“ Doch genau das ist offenbar Ende April geschehen: Google schloss Medienberichten zufolge einen vergleichbaren Deal mit dem Pentagon.

Kirsch kritisierte Googles Vertrag auch öffentlich: „Ich schäme mich unglaublich, in diesem Augenblick als Forscher bei Google DeepMind beschäftigt zu sein“, schrieb er auf X, „und ich frage mich, wie ich heute meine Arbeit erledigen soll.“ Nach all der Prüfung, die der Vertrag von Open AI erhalten habe, sei nicht zu verstehen, „wie wir einen noch schwächeren Vertrag unterzeichnen können, ohne zu erwarten, dass dies als kurzsichtiges und gieriges Handeln angesehen wird, das Vertrauen zerstört“. … Aber kann man es von den Unternehmen erwarten, dem Einsatz ihrer Modelle selbst Grenzen zu setzen? Eigentlich müsste das die Gesellschaft übernehmen, die Politik. Und zwar jetzt. Bald könnte es zu spät sein, weil die KI dann zu mächtig wäre, um sie noch einzuhegen. 

Künstliche Intelligenz und Ethik – „Ich hoffe, dass unsere Demokratien rechtzeitig aufwachen“

Süddeutsche Zeitung 13. Mai 2026


Atomkraft – ja bitte?

„Eine verstörte Generation, die „Die Wolke“ als Schullektüre vorgesetzt bekam oder die Kino-Verfilmung aus dem Jahr 2006 gesehen hat, sollte das im echten Deutschland erleben, ohne Super-GAU in Unterfranken: Am 15. April 2023 wurden die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet. Dass in der heutigen Bundesregierung nun wieder ernsthaft gefragt wird, ob man sie denn reaktivieren könnte, muss einem da verrückt vorkommen. Die eisern gegen die Atomkraft kämpfende Gudrun Pausewang, 2020 verstorben, erlebt das zum Glück nicht mehr.“

„Hintergrund dieser deutschen Atomangst war der Krieg, Angst hat mit Erfahrung zu tun. Die sollte man nicht zu leicht nehmen. Denn wenn ein Land bewiesen hat, dass die Realität schlimmer als die Albträume sein kann, dann dieses.“

Stoff für Albträume – @sz.de 26.04.2026


Die Katastrophe strahlt noch immer aus40 Jahre nach Tschernobyl

„In den Kühen schlummert immer noch der Auerochse“ Verwilderung


Geschlechterrollen

Zwei gute Texte zur gesellschaftlichen Funktion von Geschlechterrollen –
in der Süddeutschen Zeitung – über Mannsein und Frauen im Sport:

Männer, lasst uns reden!

Fünf Männer zwischen 25 und 76 reden über Verantwortung, Rollenbilder, Täterprofile und die Frage, was sich ändern muss.


Was machste denn für’n Gesicht? Zwang des Lächelns

Die Frauen grazil und freundlich, die Männer hart und konzentriert: In einigen Sportarten sind traditionelle Geschlechterrollen quasi Pflicht. Was das über eine gesellschaftliche Schieflage erzählt.


Neuer Faschismus

Über das Buch von Eva von Redecker: „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“

Im aktuellen Montagsblock/364 , der frei verfügbaren Kolumne von Kursbuch online, stellt Peter Felixberger das gerade im S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, erschienene Buch von Eva Redeker vor: „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus.“

Die Philosophin Eva von Redecker hat sich in ihrem neuen Buch zwei Fragen gestellt. Erstens, ob und wie sich der Faschismus über die Zeit hinweg er­halten konnte. Zweitens, ob wir überhaupt noch in der Lage sind, ihn zu erkennen. »Wir brauchen einen Begriff des Faschismus für die Gegenwart«, fordert sie. Menschen sind im neueren Faschismus keine individuelle Bezugs­größe mehr. »Stattdessen wird eine möglichst isolierbare, möglichst abstrakte Figur fingiert … und dieser Feind soll nicht geschlagen wer­den oder unterdrückt, sondern restlos vernichtet.« 

Die im Montagsblock veröffentlichten Auszüge zeigen ein sehr pointiertes, engagiertes und argumentativ starkes Buch einer Autorin, die Philosophie als praktische Einmischung versteht – mit einem bedrohlichen Résumé:

Die Folge: Menschen werden als mögliche Kooperationspartner aus dem Spiel genommen. Anstelle einer pluralen Menschheit, die sich arbeitend und kommunizierend aufeinander beziehen könne, entstehe das Bild homogener Blöcke, des eigenen und des feindli­chen. »Und in voller faschistischer Aufladung kann diese Grenzzie­hung in den Ausnahmezustand übergehen, in dem es heißt, dass die anderen dienen oder sterben müssen, damit wir leben können.« Deshalb werden Vorurteile so ausgiebig gepflegt, sie sind Teil der faschistischen Architektur von Abwehrmechanismen. … Als Antisemi­ten und Anti­Schwarz-­Rassisten pflegen sie eine höhnische Mime­sis. Das Schwache, Weiche und Unscharfe soll ausgemerzt wer­den. Kein Wunder, dass Carl Schmitt und alle, die diese Stärke und Härte verherrlichen, im Ausnahmezustand die entscheidende He­rausforderung für den Souverän sehen. »Da zeigt sich, wer wirklich herrscht.«

Lese – Empfehlung!

Auf in den Westen…

„Es ist die exklusive Eigenschaft des Westens, nicht exklusiv zu sein. Wie man Chinese wird, gehört nicht zu den Fragen, die die chinesische Politik beschäftigen. Oder nur dann, wenn es darum geht, die kulturelle Identität von Uiguren und Tibetern zu löschen. Dem Westen kann man beitreten. Man kann Amerikaner, Französin, Brite werden, auch wenn die eigene Herkunftslinie nicht in gallische Dörfer oder aufs Deck der Mayflower führt. Und das rechte Klischee von der „kulturfremden“ Zuwanderung löst sich, quasi nebenbei, in Luft auf. Gestern waren die „Kulturfremden“ noch Franzosen, heute sind es angeblich die Syrer und Afghanen – die aber, so muss man wohl die Umfrage verstehen, ganz gut verstehen, was gemeint ist, wenn der Westen von Menschenrechten spricht. Kulturfremd sind die Frauenfeinde, Antidemokraten, Meinungsunterdrücker, die es auch unter indigenen Westlern gibt.

Es lohnt sich also nicht nur, in den Westen zu migrieren. Es lohnt sich, diesen Westen zu verteidigen.“

aus:

Die Migranten glauben an uns. Mehr als wir selbst

Essay von Claudius Seidl SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 8. Januar 2026